Leben mit Kleinkind, Mama Dasein, Mumpreneur

Wer vertritt Selbstständige im Krankheitsfall?

Seit wir aus dem Urlaub zurück sind, bin ich krank. Fieber, Husten und ein Brett vor’m Kopf – das volle Programm! Meinen Kunden interessiert das wenig. Der schickt mich in wenigen Tagen zu einer riesigen Messe und will, dass ich im Vorfeld so viele Kontakte wie möglich herstelle. Verständlich, immerhin bezahlt er mich dafür. Also saß ich gestern in meinem Home Office und arbeitete mich durch LinkedIn und Co trotz Fieber und Husten. Ich will keine Medaille, ich sage euch nur, was Sache ist.

Heute Morgen begannen meine Tochter und ich einen Fiebermarathon. Sie hat mit 39.8 Grad gewonnen. Klar, da ist an Kindergarten nicht zu denken. Selbst wenn die Kleine quieklebendig ist und mich fragt, wann wir jetzt endlich in die “Nursy-Nursy” fahren. Ich blieb noch gelassen. Meine Arbeit bestand aus Emails schreiben und Broschüren verschicken. Das kann ich auch mit 37.5 Grad Fieber und einem kranken Kind im Arm. Längst habe ich den Gedanken, dass mein Mann mich im Krankheitsfall unterstützen könnte, aufgegeben. Wie naiv ich doch früher war. Ich sprach das Thema also gar nicht an, was meinen Hubby zu einer selten dämlichen Aussage verleitete: “Soll ich die Woche mal einen Tag zu Hause bleiben? … Nur heute geht’s nicht!” Hätte ich die Kraft und die Zeit gehabt, ich hätte ihm liebend gerne eine gescheuert. Das gebe ich offen und ehrlich zu.

Nach seiner höchst theatralischen Verabschiedung “Papa muss jetzt in die Arbeit”, die von meiner Tochter mit “I seh nix” kommentiert wurde, weil dieser Papa doch glatt vor dem Fernseher stand (Ist ja doch mein Kind! #stolzermamamoment), wurde es ruhiger zu Hause. Ich richte mir die Couch ein: Getränke, Snacks, Handy, Kalender, alles griffbereit. So kanns funktionieren. Bis der Hund zwei Minuten später auf den halben Quadratmeter Teppich kotzte, den ich mir im Wohnzimmer gegönnt habe.

Oder bis ich zum ersten Mal in die Küche ging. “Tief durchatmen, Kerstin! Tief durchatmen! Wenn du ihn killst, bist du alleinerziehend! Das würde entweder sie oder du nicht überleben!” Nicht nur, dass der Geschirrspüler nicht ausgeräumt war, nein, obendrein stand das ganze dreckige Geschirr vom Vortag noch herum, neben dem sauberen, von dem er nach fünf Monaten in diesem Haus immer noch nicht weiß, wo es hingehört. Und weil wir anscheinend noch nicht genug Geschirr herumstehen haben, bringt er jetzt auch noch Kaffeetassen aus dem Büro mit nach Hause. Die dann natürlich auch nur herumstehen. Schnell war der Entschluss gefasst: Ich räum das nicht auf!

Eine Stunde später war meine Wut darüber schon so groß, dass ich noch einen Schritt weiter ging. Wer sagt denn, dass er der einzige ist, der hier Chaos veranstalten kann? Also beschloss ich auch nichts mehr wegzuräumen und die Dinge, die ich benutze auch dort liegen zu lassen, wo ich sie gerade benutzt habe.

Um 11 Uhr wollte ich zu einem Networking Event für Mumpreneurs gehen. Ursprünglich war ja der Plan, dass ich alleine gehe, aber mit Kind zu Hause, musste es auch gehen. Sie war gut drauf, Fieber war runter auf 37.3 ohne Medikamente, sie hatte gerade geschlafen und wollte aus dem Haus. Warum also nicht in ein Play Cafe, in dem Mama arbeiten kann. Kann ich euch sagen! Weil es an der Tür klingelte. Ich, halb angezogen zur Tür, mache auf, wer steht da? Meine Ringana-Partnerin Amy. Sie grinst mich an, als müsste ich wissen, warum sie vor der Tür steht. Ich grinse zurück und weiß genau: Ich habe keine Ahnung! Also sagte ich zu ihr: “Hatten wir nicht Donnerstag ausgemacht?” Sie sieht mich an und meint, nein Dienstag. Jetzt fange ich mit einer Mutter, die einen quengeligen Zweijährigen im Arm hat, nicht im Regen zu diskutieren an. (Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist – wir hatten Donnerstag ausgemacht!!) Ich ließ sie also rein.

Und dann blieb mir das Herz stehen. Denn mein ach-so-gut-durchdachter-Racheplan schoss mir gerade genüsslich ins Knie. “Äh, sorry für all die Unordnung. Aber ja, Urlaub, alle krank, hehe.” Sie mit typischer britischer Gelassenheit “Oh, don’t worry about it!” Aber ihr Blick sagte alles: Sie würde das Jugendamt rufen, sobald sie wieder zu Hause war. Innerlich bettelte ich “Bitte, geh bloß nicht in die Küche! Da liegt doch noch die Ananas!”

Zum Glück ging sie gleich weiter ins Wohnzimmer. Ich schaufelte auf dem Sofa einen Platz zwischen all den Frühstücksbröseln und Decken für sie frei und wir begannen unser Meeting. Doch erst ging sie ihre Nachrichten durch. “Oh Gott, du hast Recht! Wir haben wirklich Donnerstag gesagt.” Jetzt musste ich natürlich die Britin in mir suchen. Ich kann nämlich nicht SAG ICH JA rufen, so wie ich das gerne würde, nein. Ich sagte: “Oh, don’t worry about it!” Wir besprachen unsere Pläne für die nächsten Fresh Dates im Team und dann zog sie auch wieder ab. Zwischendurch säuselte sie noch ein paar I am so sorry -s. Alles gut, nix passiert. Irgendwann musste sie ja rausfinden, wie es hier wirklich aussieht.

Zum Networking Event schaffte ich es jetzt nur noch mit dem Auto. Kein Problem, regnet sowieso, da fahre ich lieber mit dem Auto.

Dort angekommen, verfiel mein Kind komplett. Sie wurde richtig anhänglich und ich spürte, wie sie wieder wärmer wurde. Und ich bekam die Rabenmutter-Blicke. Wie kann man nur so verantwortungslos sein und sein krankes Kind herumschleppen? Diese und andere Vorwürfe hatten sie auf ihre Stirn tätowiert. Die haben auch keine Ahnung, dass mir dasselbe Kind vor einer halben Stunde noch die Bude auseinandernehmen wollte. Trotzdem waren ein paar Mütter bereit über den krankes-Kind-Faktor hinwegzusehen und ich lernte interessante Frauen kennen, bevor ich mein Kind wieder einpackte und nach Hause fuhr. Vorher aber noch zur Post und meine Ringana-Sammelbestellung abholen. Die ist natürlich in einer Fußgängerzone. Also Kind mit dicker Decke im Buggy verstauen und dort hin dackeln, mittlerweile im Schneeregen. “Ich bin müde, Mama! Nach Hause gehen!” – “Ja, Schatzi, ich bin auch müde! Ich will auch nach Hause gehen! Ich bin auch krank!” jammerte ich mit ihr. Geteiltes Leid ist wirklich halbes Leid. Was die Postangestellte dachte, als sie uns zwei Elende sah, will ich auch nicht wissen.

Am Rückweg zum Auto “Darling, deine Decke verfängt sich in den Buggy-Rädern” – Geh leck am Oarsch! Nein, sag ich natürlich nicht. “Oh, that’s ok. Thank you!”

Endlich wieder zu Hause! Paw Patrols einschalten, Sammelbestellungen aufteilen und dann weiter arbeiten für die Messe. Alles gut, oder? Wer braucht Krankenstand? Wer braucht Vertretung? Wer braucht einen Partner, der zu Hause bleibt, wenn alle anderen zu Hause krank sind? Alles, was ich brauche, ist eine Putzfrau, und die suche ich mir jetzt. Bis dann meine Lieben!

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